Unheilig and Friends (Düsseldorf, 30.12.10)

Unheilig and Friends (Düsseldorf, 30.12.10)

Mit Waves under water, Diary of Dreams, Apoptygma Berzerk, VNV Nation...und natürlich mit dem Grafen und Unheilig ;-)

Unheilig feiert 10jähriges Jubiläum - und tanzt zu diesem Anlass auf zwei Hochzeiten. Wenn nicht sogar auf dreien, denn neben den Unheilig-Altfans und den "Guzl-Fans" (diesen wunderbaren Begriff habe ich beim Gespräch zweier Unheilig-Shirt-Träger belauscht, wo er nicht so nett klang, wie er geschrieben aussieht (für die Nordlichter: Ein Guzl ist im Bayerischen ein Bonbon) - er steht, so habe ich mir erklären lassen, für die Fans seit "Geboren um zu leben") gab es auch einige, die hauptsächlich der "Friends" wegen da waren. Denn der Freundeskreis des Grafen ist ein elitärer!

Die erste Band des Abends allerdings kannte wohl kaum jemand. Kein Wunder, es handelte sich um die Krankheitsvertretung für Beati Mortui, die ihrerseits nur als Krankheitsvertretung für Mono Inc. eingesprungen waren - die ganze Veranstaltung scheint gesundheitstechnisch unter keinem guten Stern zu stehen. (Apop waren in Düsseldorf noch auf dem Damm und der Bühne, sind aber danach aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen, und Ronan von VNV Nation war auch nicht ganz fit, mehr dazu später). So kam Düsseldorf in den Genuss von Waves under Water. Nette Kostüme hatten die Schweden dabei, Drummer Ricard hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Jack Sparrow und Sängerin Anjelica zog sich zwischendurch sogar um, von Kleid auf Pumphöschen, und musikalisch tat es auch nicht ausgesprochen weh - nur die bühnenreife Sopranstimme, die ich beim Bandoutfit irgendwie erwartet hatte, mit der kann Anjelica leider nicht aufwarten...





Beeindruckender, wie immer, die Stimme von Adrian Hates - Diary of Dreams standen als nächste auf der Bühne. Toller Auftritt, tolle Akkustik, allerdings ein im großen ganzen recht ruhiges Set - vielleicht wollte man die Guzl-Fans (ja, das Wort gefällt mir ;-)), soweit schon vor Ort, nicht unnötig erschrecken? Es gab es auch zwei neue Songs, das wunderschöne Undividable und Immerdar - auch sehr schön, aber ehrlich gesagt habe ich mit der Textzeile "Vergiss mein nicht, wenn Du verloren gehst im Wind" ein bischen meine Probleme. Für massiv lyrisch war an diesem Abend doch eine andere Band zuständig? ;-) Diary of Dreams dürften an diesem Abend verdientermaßen einige neue Fans gewonnen haben, der sonst so kühle Adrian betätigte sich sogar als Stimmungsanheizer: "So, Freunde, jetzt seid ihr mal dran" rief er bei King of Nowhere in die Menge. Und es hat funktioniert...Zum Schluss gab es natürlich den Traumtänzer, der nun wirklich alle Fans, alte und junge, schwarze und bunte, begeistert und gerührt hat. Wie immer.



Ganz anders als sonst dagegen war das Konzert- Umfeld. Es galt wohl die Devise "Du sollst kein anderes Merchandise neben mir haben", auf jeden Fall gab es von den Support-Bands nichts zu kaufen. Dafür hatten Unheilig ein reiches Sortiment dabei, von CD-Sondereditionen bis hin zum Graf-Püppchen. (Einige Fans hatten eigenes Merchandise mitgebracht - Papierfähnchen mit Glowsticks als Stiel, da muss man auch erst mal drauf kommen.) Und es gab ein "Unheiliges Kinderland", wo der geneigte Jungfan sich mit Basteln und Karaoke beschäftigen und sich in einer Chillout-Ecke erholen und den Grafen im KiKa gucken konnte - letzteres allerdings nur theoretisch, die "Was sollen eigentlich all diese vielen komischen Vorgruppen"-Fraktion unter den Erwachsenen machte den Kindern die Sitzsäcke gnadenlos streitig, auch der "Tätowierer" hatte neben Kinder viel mit Damen etwas älterer Semester zu tun, die sich mit viel "hihihi" und "Schade, dass ich morgen nicht ins Büro muß" Dekorieren ließen. Auch an den Stehtischchen wurde eifrig gemeckert und gemotzt, warum das alles so lange dauert, einige vertrieben sich die Zeit durch Absingen diverser Mallorca-Schlager. Seltsam. Und schwer erklärlich - die Timeline war ja nun wirklich über die Unheilig-Homepage deutlich kommuniziert, so dass man wahlweise durchaus andernorts einen netten Nachmittag hätte verbringen können.



In der Halle war die Stimmung jedenfalls gut, zumindest im Innenraum. Der Umbaupausen-Musikgestalter ging fest davon aus, dass nur die in der Halle waren, die auch die Vorbands gut waren, und war bemüht, deren musikalischen Geschmack zu treffen, sehr erfolgreich. Und Apoptygma Berzerk a.k.a. Stephan Groth und eine völlig neu zusammengewürfelte Band trafen mit dem ersten Song sicher auch vor allem den Nerv dieser Zielgruppe: Love never dies. Und da steht man dann mit Gänsehaut und erinnert sich, warum man dieser Band schon so lang die Treue hält. Weiter ging es mit "Shine on" und gefühlt der halben "You and me against the world" - für mein Gefühl nicht gerade die stärkste Phase des Bandschaffens, aber halt die erfolgreichste. (Parallelen mit dem Topact durchaus vorhanden) Und dann kam etwas, was auf der Setlist als "Major Tom" angegeben war. Und nein, es handelte sich um kein Bowie-Cover... Aber der Menge gefiel es, sie stimmte seelig und natürlich Deutsch mit ein und war "Völlig losgelöst". Nun ja. Until the end of the world gab es dann auch noch, als kleine Verbeugung vor der "Kraftwerk City" Düsseldorf. Ein echter Glücksgriff: Leandra Ophelia Dax, neu am Keyboard und als Gesangspartnerin - schön!



Sehr schön auch der Auftritt von VNV Nation. Ronan zwar heiser wie eine Krähe (er selber nannte das seine "Telefonsexstimme"...merkwürdige Hotlines scheint der Mann zu kennen), aber sichtlich begeistert von der großen Menge Leute, die er da bespaßen durfte. Und die gingen wirklich gut mit - wenn man auf den Rängen auch beharrlich sitzenblieb, im Innenraum war Bewegung. Und Ronan genoß den ausgiebigen Auslauf auf der großen Bühne, scherzte mit dem Publikum, erklärte immer wieder, wie "wir das auf VNV-Nation-Konzerten machen" und kämpfte sich trotz Stimmproblemen auch tapfer durch Illusion - mit innigem Dank an den Düsseldorfer Arzt, der ihn soweit wieder fit gemacht hatte. Innig gedankt wurde auch Unheilig fürs Mitspielendürfen, dem Publikum dafür, dass es "so schön" war - es hatte schon fast was von einer Oscar-Rede. ;-) Und bei Perpetual sang dann tatsächlich schon die ganze Halle mit. Die ganzen 45 Minuten schien die Stimme aber doch nicht mitzumachen - am mangelnden Spass der Band kann es nicht gelegen haben, dass der Auftritt kürzer ausfiel.






Also gut. Alle noch mal stärken. Und während man noch hier und da anstand, auf einmal hektische Bewegung in der Menge - geht schon los? Ja, von drinnen schallte statt Chartkompatiblem (der Pausenmusikgestalter glaubte wohl, auf die Neu-Fans (ihr wisst schon, die Guzls) Rücksicht nehmen zu müssen und griff in den letzten Umbaupausen in die "Bekannt aus dem Hörfunk"-Kiste) auf einmal Hans Albers. Und so flitzte denn alles zu den Türen - und musste feststellen, dass keiner mehr in die erste Welle reingelassen wurde. Egal, ob Freunde drinstanden, egal ob man für die gerade Getränke geholt und jetzt keine Ahnung hatte, was man allein mit 5 Bier machen soll: "Ich habe meine Anweisungen", meinte der Mann von der Security. Sonderanweisungen für Fotografen hatte er scheinbar auch nicht - also einmal quer durch die Halle rasen (an dieser Stelle noch mal Entschuldigung an alle, denen ich über die Füsse gestolpert bin...) - zum Glück war der Kollege an der Absperrung geistig flexibler, obwohl er bestimmt auch Anweisungen hatte, sonst hätte ich Euch die Bilder malen müssen.


Auf der Bühne wie immer viele Kerzen, ein Boot (kommt eigentlich noch jemandem außer mir die Metapher "Seefahrt" ein bischen überstrapaziert vor?) - und...kein Graf. Der sang zwar schon vom Meer - aber irgendwo anders. Erst zum Titel 2 erschien er dann himself. Und ließ sich erstmal zum 10jährigen Jubiläum ein Ständchen bringen, "ein schöner Kanon" spöttelte er über die Gesangskünste seiner Fans. Davon abgesehen war aber von Jubiläumstour nicht viel zu spüren - mehr als die Hälfte der gespielten Titel stammten vom aktuellen Album. Zwischendrin erzählte der Graf von seinen Erlebnissen bei der Bambi-Verleihung - jetzt wissen wir also, dass er Anzüge von Mama trägt. Wer tiefere Einblicke in den Kleiderschrank des Grafen braucht, bei BILD gab es einen investigativen Artikel über seine Schuhe und Unterhosen. Man fragt sich, wen so was interessiert...bis man dann miterleben darf, dass Leute Taschentücher, die sie dem Mann zum Schweißabwischen auf die Bühne reichen, wiederhaben wollen. Das irritierte den Mann mit dem lustigen Bart dann auch selbst etwas: "Du weißt aber schon, dass das ein bischen eklig ist? Was machst Du denn damit? Rahmen und an die Wand hängen? ... Ich möchte ja nicht wissen, wie es sonst so bei Dir zu Hause aussieht." Das sind so Momente, in denen der "Graf von früher", der Inbegriff der Fannähe, durchschimmert. Auch in der charmanten Art, wie er die Kurve kriegt und sich "geehrt" fühlt.


Und das Publikum auf den Rängen? Saß immer noch. Lag also nicht an den Vorgruppen, scheint einfach eine andere Art zu sein, so ein Konzert zu erleben. Irgendwann wurde es dem Grafen zu bunt (lustiges Wortspiel, gell?): "Geht es Euch gut auf den Tribünen? Ja? Kein Wunder, ihr sitzt ja auch schon den ganzen Abend." Und tatsächlich, nach ausdrücklicher Aufforderung erhoben sie sich, zappelten auch brav im Tick-Tick-Tack von Maschine mit...und setzten sich am Ende des Liedes erleichtert wieder hin. Auf den Beinen waren alle erst wieder bei der ersten Zugabe: Geboren um zu leben und Unter Deiner Flagge. Die einen, um endlich "ihren" Konzertmoment zu erleben - andere, um sich schon mal auf den Heimweg zu machen...



Text und Fotos: Michaela Kaebe