
Lange hat sie gedauert, die Schiller-lose Zeit. Als Christopher vor über einem Jahr eine Pause ankündigte, dürften nicht wenige Fans "auf Entzug" gewesen sein, der nur notdürftig durch die Alben und die "Leben"-DVD gelindert werden konnte. Aber nun ist er ja wieder da und was er mitgebracht hat, entschädigt seine Anhänger für die Wartezeit.
Obwohl die Single-Auskopplungen des aktuellen Albums keine großen Erfolge waren, hatte das Album doch "Gold"-Status erlangt und auch die langen Schlangen vor dem Capitol zeigten die ungebremste Begeisterung des Publikums für Schiller.
Einiges hat sich geändert. Das Augenscheinlichste: Statt des einen gewaltigen Drumsets unter Kontrolle von Garry Wallis stehen nun zwei Schlagzeuge auf einer Bühne, ein Elektronisches, gespielt von Cliff Hewitt, der auch schon für Apollo Four Forty gespielt hat und ein hauptsächlich Akustisches, das von Ralf Gustke bedient wird, der auch für die Söhne Mannheims die Drums bedient. Sie machen ihre Sache gut und ersetzen Garry würdig. Ebenfalls neu ist Christian Kretschmar, der statt Christoph Papendiek die Keyboards bedient. Leider fehlt deswegen auch die zweite Gesangsstimme. Geblieben sind hingegen Thissy Thiers am Bass, Mickey Meinert mit diversen Gitarren und natürlich der Kopf, Christopher von Deylen.
In der Wartezeit auf den Beginn wurde wieder die Einlassmusik gespielt und die Symbole des aktuellen Albums auf den Vorhang projiziert.
Die Wartemusik wurde lauter, noch ein wenig lauter, es wurde dunkel, Applaus brandete auf. Dann fiel der Vorhang und die Musiker fingen zu spielen an. Die Bühne leuchtet in blau, nur Christopher ist hell angestrahlt, sein orangenes Hemd sticht grell hervor. Wir hören "Nachtflug". Es folgt "Morgentau", ebenfalls instrumental, aber sehr gitarrenlastig und schneller als der vorherige Titel.
Dann kommt die nächste Änderung. Statt Anke Hachfeld (Milu) ist Jette von Roth dazugekommen und präsentiert "Drifting". Sie trägt ein rotes Kleid, die Bühne ist passend in blutrotes Licht getaucht. Jettes sanfte Stimme erinnert fast ein wenig an die einzigartige Björk. Dieser Eindruck setzt sich fürt bei "What's coming", wo Jette und die Bühne in gelbes Licht getaucht werden.

Nun sind die instrumentalen Klassiker an der Reihe, angefangen mit "Schiller". Wer schon einmal auf einem Schiller-Konzert war, hat festgestellt, dass das Publikum immer in der Ruhepause mitten im Stück applaudiert. Wirklich immer? Nein, die Hannoveraner haben dazu gelernt, nicht ein Zuschauer bewegt seine Hände. Aber vielleicht sind sie auch einfach erschlagen von der Gewalt zweier Schlagzeuge, die die Luft zum Beben bringen. Dies setzt sich auch in "Sommerregen" mit heftigen Drumschlägen fort.
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Nach dieser Gewalt wird es Zeit für Gefühl. Kim Sanders tritt auf die Bühne in einem elegantem Hosenanzug und einer Art rotem Turban. Mit "I Saved You" verbreitet sie Gefühl pur. Vor dem nächsten Stück ("I Know", die kommende Single-Auskopplung) hält sie eine längere deutsche Ansprache. Sie erzählt, dass sie vor 17 oder 18 Jahren in Heidelberg Deutsch gelernt hat, möchte wissen, ob die Hannoveraner wirklich so Akzentfrei sprechen und vieles mehr. Man kann Kim als die Seele von Schiller bezeichnen, sie ist für den Soul verantwortlich, den sie in ihrem persönlichen Lieblingstitel "Distance" voll auslebt.
Nach soviel Harmonie und Ruhe wird es dann wieder Zeit für eine Klangexplosion, es kommt "Feuerwerk". Thissy Thiers und Mickey Meinert veranstalten dabei wahre Feitztänze auf der Bühne. Und damit sie (und das Publikum) sich entspannen können, folgt mit "Irrlicht" wieder ein ruhiger Titel.

"Sleepy Storm" und "Der Tag" werden von Jette von Roth interpretiert, bevor mit "Ruhe" wieder ein Klassiker gespielt wird - und im Gegensatz zum Titelnamen geht es auf der Bühne alles andere als ruhig zu. Das Publikum lebt auf, die Gitarristen geben alles und die beiden Schlagzeuge bringen den Saal zum Beben.
Nach "Berlin Bombay", das das Publikum in Trance versetzt hat, ist es soweit. Der obligatorische Notenständer wird auf die Bühne gestellt, der Insider weiß also Bescheid, es ist Zeit für Peter Heppner und die beiden Klassiker "Dream of You" und "Leben ... I Feel you".

Dann, nach immerhin 17 Titeln ist das Konzert fast vorbei. Als erste Zugabe kommt "Ein Schöner Tag" - und hier ist der Name Programm. Ein Tag, der mit einem Schiller-Konzert endet, kann wirklich nur ein schöner Tag gewesen sein. Dazu trägt Kim Sanders mit "I've seen it all" ebenfalls bei. Gefolgt wird dies vom krönenden Abschluss "Glockenspiel". Wer dabei insbesondere Thissy Thiers beobachtet hat, wird festgestellt haben, dass der Bassist sich nur noch körperlich auf der Bühne befand, sein Geist schwebte irgendwo in anderen Sphären.

Schiller ist immer wieder ein Erlebnis und nach der "Leben"-Tour hat er dies jetzt auch mit "Tag und Nacht" eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Text: © Michael Vogel
Fotos: © Magdalena Pawlas