Deine Lakaien: 20 Jahre electronic avantgarde

Deine Lakaien: 20 Jahre electronic avantgarde

Der Vorteil an bestuhlten Konzerten ist, dass man durch stehende Ovationen sehr schön zeigen kann, wenn man wirklich beeindruckt ist.

Dies tat das Publikum am 18.02. in Oberhausen mehrfach, und das hatten sich Deine Lakaien und Die Neue Philharmonie Frankfurt auch redlich verdient.


Dabei begann der Abend recht beschaulich: Das Orchester betrat die Bühne, Ernst Horn und Alexander Veljanov betraten die Bühne, es gab Lonely, sehr schön, getragene Streicher, richtig was zum Fallenlassen. Wirklich gepackt war das Publikum allerdings "erst" beim dritten Titel, In my garden (genial!), der erstmals lauten Jubel statt höflich-kultivierten Applaus erntete. Dann wurde es nach dem gefälligen Anfang deutlich avantgardistischer: Es gab Madiel und, nach einer kleinen Atempause durch Into my arms, die unvermeidlichen Mirror Men. Ernst, bislang als Dirigent tätig, ließ es sich an dieser Stelle nicht nehmen, eigenhändig nebenher den Flügel zu verprügeln...

B. Deutung mal ganz anders...

B. Deutung mal ganz anders...

Und wieder wurden eventuell verstörte Zuhörer gekonnt durch harmonischere Töne eingefangen, zu denen die Mitglieder der Liveband, bislang mitten unter den Streichern sitzend, nach vorn auf die Bühne kamen. So gab es, mit und ohne Orchesterunterstützung einige Titel aus dem aktuellen Album und vor der Pause noch den Klassiker Dark Star.

In dieser Pause konnte man sich Popcorn kaufen...oder ein wenig darüber sinnieren, dass dieses Konzert im Gewandhaus Leipzig oder der Alten Oper in Frankfurt besser aufgehoben war als in diesem "komischen Kasten" (O-Ton Veljanov). Für eine Turnhalle war immerhin die Akkustik wirklich gut, zumindest auf den Rängen.



Der zweite Teil begann überraschend: ganz alleine entführten Alexander, Ernst und "die alten Kästen von damals" musikalisch in die Anfangszeiten der Band. Orchester und Band stiegen dann zu Brain Fic wieder ein, und zwar so richtig mit Fortissimo und tollen Blechbläsern. Mit Vivre wurde es dann wieder ruhiger - und so romantisch, dass Alexander im Anschluß einem der "alten Kästen" den Refrain von Mind Machine als Ständchen sang, inklusive kleiner Streicheleinheit... Reincarnation hatte dann wieder ein furioses Ende (die Stücke waren fantastisch für Orchester umgesetzt, aber beim einen oder anderen "Grande Finale" hab ich ehrlich gesagt schon drauf gewartet, dass der Kornleuchter auf die Bühne rauscht oder die dicke Frau stirbt oder was sonst alles zu derlei Crescendo üblich ist ) - und beendete auch den Hauptteil.


In der Pause schien der bislang sehr wortkarge Alexander Veljanov seinen bekannt trockenen Humor wiedergefunden zu haben, die Anmoderation "Ja, das ist ja sehr...schön - Deine Lakaien stets zu Diensten" lockerte dann auch das Publikum so weit auf, dass es sich erstmals an diesem Abend traute, in die Musik rein zu applaudieren, als Wunderbar erkennbar wurde.

Auch der zweite Zugabenblock wurde mit einer feinen Spitze eingeleitet, der Anmerkung, dass die Karten heute abend wohl doch ihr Geld wert gewesen seien. Bei Where you are (nur Band) gab es die einzige kleine Panne des Abends - just der so liebevoll gestreichelte Synthesizer wollte zunächst nicht. Wieder gab es Standing Ovations -und dann passierte, womit viele nicht mehr gerechnet hatten (das kommt davon, wenn man nach dem letzten Takt hektisch aufspringt, sowieso eine Unsitte!): Die Philharmoniker kehrten noch einmal auf die Bühne zurück und es gab als leider nun wirklich letzten Titel noch Love me to the End.

"Dieser Abend war vom Feinsten" sagte Alexander Veljanov, und da kann man ihm nur Recht geben. Es wurde übrigens für die DVD gefilmt, das Ergebnis dürfte eine Zierde des heimischen Regals werden.

Text: © Michaela Suchlich
Fotos: © Steven Riou