EHW Festival in Leipzig

EHW Festival in Leipzig

"Aber es ist Winter und erschreckend genug, es gibt in einem Land wie Deutschland viele Leute, die nicht mal was zu essen haben." (Ronan Harris, Interview für schwarzes-wien.at)

Dass Ronan Harris sich z.B. für die Krebshilfe engagiert, ist nicht neu...nun hat er mit dem EHW (steht für "elektronisches Hilfswerk", die Begeisterung der Electroszene für Kürzel wird uns noch einige Male beschäftigen...) eine eigene Hilfsorganisation ins Leben gerufen. Die ersten EHW-Festivals fanden diesen Dezember in Dortmund, Leipzig und München statt, der Erlös geht der Deutschen Krebshilfe, den SOS Kinderdörfern und Den Tafeln zu.

Erfreulich daher die hohe Resonanz auf die Konzerte: das Konzert in Duisburg war komplett ausverkauft, und auch das Hellraiser in Leipzig war mit knapp 1.000 Besuchern brechend voll.


So hatten auch schon NamNamBulu, die den oft etwas undankbaren ersten Auftritt hatten, ein gut besuchtes Haus, das die beiden Schweizer sehr schnell für sich zu gewinnen wußten. Da gibt es aber auch wirklich nichts zu mäkeln: Traumhaft schöne, vielschichtige, wunderbar verspielte Melodieläufe, eine Gesangsstimme, der man stundenlang zuhören möchte, untermalt von gut gemachten, stimmungsvollen Videoprojektionen...Tastenkünstler Vasi Vallis und Ausnahmestimme Henrik Iversen dürften durch diesen gelungenen Auftritt einige neue Fans für sich gewonnen haben, vor allem unter den zahlreich erschienen Anhängern von VNV Nation. Auch Ronan selbst ließ es sich nicht nehmen, sich einen Teil des Auftritts aus der ersten Reihe anzuschauen, und wirkte durchaus angetan. Ach ja, Thema Abkürzungen: In der Bühnendeko wird der etwas sperrige Bandname kurz und prägnant zu nnb...


Danach erhöhte sich die BpM-Rate (scheinbar geht es wirklich nicht ohne? BpM = Beats per Minute...) ganz beträchtlich: Andy LaPlegua, bekannt als Frontmann von Icon of Coil, enterte mit seinem Soloprojekt Combichrist die Bühne. Mir persönlich ein bischen zu hart, auch das Bühnenmakeup ist gewöhnungsbedürftig...aber den Freunden der schnellen Beats kann man die Formation nur ans Herz legen, es geht gut zur Sache! Lustig zu beobachten war die Fanbeteiligung: Während ein Ordner noch bemüht war, einen jungen Herrn mit Gasmaske, der begeistert die Bühne gestürmt hatte, freundlich, aber bestimmt von derselben zu verweisen, sah Andy dies als Signal, weitere Fans nach oben zu holen. Das war allerdings auch der Moment, als die vorderen Reihen endgültig zum Hexenkessel wurden und ich es vorzog, mir den Rest des Spektakels von weiter hinten anzuschauen und meinen Wasserhaushalt zu regulieren - die Nacht war schließlich noch jung!


Nach einer weiteren erfreulich kurzen Umbaupause dann [:SITD:] Diese Abkürzung steht für Shadows in the Dark, was in Sachen Bühnenbeleuchtung aus Fotografensicht leider sehr ernst genommen wurde, viel blaues Licht, sehr viel Nebel... Die Formation aus dem Ruhrpott, bekannt für sehr engagierte Texte zu kontroversen Themen, brachte live wie immer Stimmung ins Haus und hatte einige neue Stücke im Gepäck, die durchaus zu überzeugen wußten. Wie immer krönender Abschluß des Auftritts: die Coverversion des Depeche Mode-Hits "Never let me down", die ganze Halle winkte mit. Henrik von nnb besuchte die Kollegen für dieses Lied übrigens auf der Bühne und sang mit, das sind die Festivalmomente, die sich der geneigte Fan wünscht!




Und als krönender Abschluß dann VNV Nation! (Nur der Vollständigkeit halber: "Victory, not Vengeance"). Es ist immer wieder faszinierend, Ronan Harris auf der Bühne zu erleben, er hat sie einfach, diese schwer zu beschreibende Bühnenpräsens, kein anderer hat sein Publikum so im Griff. Der Mann steht nicht einen Moment still, ist überall gleichzeitig auf der Bühne, begrüßt bekannte Gesichter im Publikum, hat einfach Kontakt mit den Zuhörern...der Erfolg ist den beiden wirklich nicht zu Kopf gestiegen, auch Mark Jackson kam einige Male nach vorne, um sich bei der jubelnden Masse zu bedanken, machte Erinnerungsbilder und schüttelte Hände, man merkt beiden den Spass an dem, was sie da tun, deutlich an. Dafür liegt ihnen die Zuhörerschaft auch zu Füssen, da wurde auch kein Gemurre laut, als Ronan aufgrund technischer Probleme den Einsatz zu dem von allen herbeigesehnten Beloved verpasste und zweimal, das zweite Mal verbunden mit der Bitte ans Publikum, doch mal kurz leise zu sein, neu ansetzen mußte. Die Standardfrage "Ladies and Gentlemen, are we having fun yet?" konnte man wie immer nur bejahen, Mr. Harris! Als kleines Weihnachtsgeschenk für die Fans gab es zudem einige "Hörproben" aus der neuen CD "Matter and Form", die nächstes Jahr erscheinen wird, und eine sehr schöne "2 in 1"-Version der beiden Songs Distant/ Rubicon.



Am Ende des Abends konnte ein deutlich bewegter Ronan dem Publikum mitteilen, dass 50.000 Euro für den guten Zweck zusammengekommen waren. Es ist aber auch bemerkenswert, was er da auf die Beine gestellt hat und wer sich alles beteiligt hat: Neben den Künstlern haben sich auch zahlreiche helfende Hände gefunden, die die Bühnentechnik und den Auf- und Abbau kostenlos erledigt haben, ebenso haben viele der Clubs auf ihre Gagen verzichtet.

Auch das Darkflower, in dem die Aftershowparty stattfand, verzichtete auf Eintritt und hatte stattdessen eine Spendenbox am Eingang aufgestellt. Hier fand ein gelungenes Festival in vollem Haus einen würdigen Abschluß, wobei der nimmermüde Ronan Harris später am Abend noch höchstpersönlich auflegte.

"Ich war ein Zahnrad im Hilfswerk" steht auf den T-Shirts, die ebenfalls zugunsten der Hilfsorganisationen verkauft wurden (sonstiges Merchandising gab es nicht, was ich persönlich eigentlich schade finde - ich hätte mir gerne das eine oder andere für den guten Zweck gestiftete Fantitem zugelegt) - ein schöner Gedanke...

EHW 2005 ist mit anderen Bands bereits in Planung, es wäre schön, würde dies eine weihnachtliche Tradition werden!

Text/Fotos: © Michaela Suchlich