
Fetisch: Mensch, Rotersand, Zeraphine, Project Pitchfork, Diary of Dreams, VNV Nation, Deutschlands wohl schönste Festivallocation und Wetter, das sich weitestgehend zusammengerissen hat.
Tagesauftakt mit Fetisch: Mensch. Wenn Oswald Henke auftritt, guck ich mir das immer gerne an, egal in welcher Konstellation. Weil ich die Texte mag, weil es unglaublich spannend ist, ihm zuzugucken – und weil er einer der wenigen Künstler ist, der sein Publikum nicht nur nicht mehr oder weniger gekonnt zum Mitklatschen auffordert, sondern derlei Treiben auch noch dadurch kommentiert, dass er sich auf die Bühne stellt und dazu schunkelt. Schöner Auftakt mit unerwarteter Coverversion: Erschießen von Ideal, lang lang ist es her.

End of Green dagegen ist gar nicht mein Ding, so dass das hier der richtige Moment ist, das abwechslungsreiche und preisgünstige Speisen- und Getränkeangebot zu loben. Nur dass es schon Samstag Mittag keinen Milchkaffee mehr gab (und Sonntag Nachmittag dann nur noch schwarzen Kaffee) trübt den guten Gesamteindruck.
Wer ein Festival in Berlin plant, kann 100 Bands mit Heimvorteil auf die Bühne stellen. In Gelsenkirchen ist das vermutlich schwieriger – aber zumindest eine hat sich gefunden: Rotersand. Und so wurde die Menge nicht nur zum Tanzen animiert, sondern auch mit Geschichten aus der Kindheit von Rasc unterhalten: „Hier wäre ich als Kind fast mal im Kanal ertrunken“ erinnerte er sich versonnen. Schöner Auftritt mit ausgiebigem Bad des Künstlers in der Menge, auch wenn die Technik nicht immer mitspielte („Günthers Pedal ist kaputt“) und die Security von den Rasc’schen Kletterakten einigermaßen genervt war. Was diesem nur ein lakonisches „Na, jetzt seid ihr auch wach“ entlockte.
Der Auftritt von Zeraphine begann mit dem mit Abstand schönsten Soundcheck des Tages. Statt des allseits beliebten „One two one two“ sang Manuel Wonderful World...und das halbe Rund mit ihm. Da werfe noch mal einer den „Grufties“ einen begrenzten Musikhorizont vor! Pünktlich zu Be my rain fielen dann tatsächlich ein paar Tropfen vom Himmel (der sich sonst bemerkenswert rücksichtsvoll zeigte), und man hat es im Hause Zeraphine tatsächlich geschafft, trotz der gefühlten 10.000 Auftritte von Sven mit all seinen Projekten was Neues zu produzieren, zwei Titel wurden auf dem Blackfield vorgestellt. Kann man kaufen.
Bei Projekt Pitchfork gibt man sich in dieser Saison wieder deutlich mehr Mühe mit dem Bühnenoutfit: Es wird nicht nur gemalt, es wird auch im Schlamm gesuhlt. ;-) Gut, als Mutter eines Kleinkindes sieht man das jeden Tag, auf der Bühne war es mal was anderes. Definitiv was anderes die Übungen in Publikumsbeschimpfung, die Peter Spilles mit den Fans veranstaltete – „Buuuh“-Rufe, die vom Künstler eingezählt und strahlend in Empfang genommen werden, hat man nun wirklich nicht alle Tage.
Es wird Zeit für einen innigen Dank an die Organisatoren: Diary of Dreams wollte ich schon immer mal im Freien hören. Und es war so schön, wie ich es mir vorgestellt habe. Was natürlich auch daran liegt, dass sie einen sensationellen Auftritt hingelegt haben. Angekündigt von Ronan Harris (der seinen Getränkeservice aufgegeben hat und sich dieses Jahr lieber dadurch nützlich machte, dass er Fotografen durch die Gegend jagte) und streckenweise mit freilaufendem Torben Wend, was sehr nett anzuschauen war. Nur die eigentlich obligatorische Abschlußballade fehlte leider, sonst blieben keine Wünsche offen.

Und auch VNV Nation legten einen sensationellen und lautstark und bewegungsfreudigen Auftritt hin. Die Titel der am Vortag erschienenen neuen CD saßen naturgemäß beim Publikum noch nicht so („Ist das ok für Euch? Mensch, wir MÜSSEN doch auch was neues spielen“), aber die Stimmung war dennoch unglaublich gut – selbst für VNV Nation-Verhältnisse! „Es ist eine Ehre, für Euch zu spielen“ meinte dann auch der sonst an diesem Abend eher flapsig aufgelegte Ronan. Und es war ein ausgesprochenes Vergnügen, dabeigewesen sein zu dürfen. Oder, noch mal mit den Worten von Meister Harris: „Einfach hammer-, hammergeil“
Text und Fotos: © Michaela Kaebe
Warm-Up Showcase: www.stage-press.de/reportagen/blackfield_warmup_09.html
Blackfield Sonntag: www.stage-press.de/reportagen/blackfield09_sonntag.html
