Amphi Festival 2007, Tag 1

Amphi Festival 2007, Tag 1

Es war angenehm temperiert und weitgehend trocken, es war trotz angenehm überschaubarer Location ein Festival der langen Wege (ich sag nur P22), es war streckenweise verdammt laut, es war ein Beleg der alten Weisheit, dass Planung Zufall durch Irrtum ersetzt, es war musikalisch ungemein vielseitig - es war, kurz gesagt, ein richtig gelungenes Festival-Wochenende! (na gut, den Fussmarsch vom und zum Parkplatz mal ausgenommen…)

Dabei wurde eigentlich jeder erdenklicher Stolperstein mitgenommen: Absagen wegen Krankheit, verspätet eintreffende Künstler, Moderator mit Stimmproblemen, technische Probleme. Aber wie heißt es so schön? Mit ein bischen gutem Willen geht alles, und der war da, und es ging fantastisch.

Aber der Reihe nach. Hiobsbotschaft Nr. 1: Bloodpit mussten wegen erkranktem Sänger kurzfristig absagen. Dadurch verzögerte sich der Auftritt von Obscenity Trial um eine Viertelstunde - was wiederum für die Band und viele, die sie hören wollten, eine gute Nachricht war. Wie gesagt: Ist’s a long way from P22...


Und es wäre ganz ehrlich um jeden Zuschauer, der noch unterwegs gewesen wäre, schade gewesen! Ich fand die ja schon als Duo gut - aber in der neuen Viererformation, mit “echtem” Schlagzeug und Dirk Riegner als Zweit-Keyboarder und Zweitstimmen-Sänger (wow!), war ich dann doch noch mal sehr beeindruckt. Frontmann Oliver Wand legte eine Souveränität an den Tag, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Festivals zu eröffnen, schäkerte mit dem Publikum, schaffte es sogar, ein Lächeln auf enttäuschte Bloodpit-Fan-Lippen zu zaubern, und ließ sich weder durch nicht angeschaltete Mikros noch durch komplett ausfallende Elektronik aus dem Takt bringen. Ich wage mal die Prognose, dass wir diese Formation nicht das letzte Mal auf einem Amphi, aber vermutlich das letzte Mal als Opener gesehen haben.


Durch das geänderte Line Up konnte ich entspannt vor der Bühne stehen bleiben, meine nächste persönliche Must see-Band folgte auf den Fuß: Diorama. Und damit auch der nächste Wow-Moment! Ich hatte leider seit dem Konzert in Bremen keine Gelegenheit mehr, die Band live zu erleben, und war von der Entwicklung, die Diorama seither durchlaufen hat, doch recht unvorbereitet getroffen. Hut ab! Wobei ich als Gothic Family Net-Mitglied natürlich anmaulen muß, dass Zigaretten und Bier zu dieser Tageszeit nicht auf eine Bühne gehören und die Ansage “eine Bühne, vierzig Minuten, vier Kiffer” auch nicht jugendfrei ist. ;-) Aber Torben Wendts Limbo-Einlage zu Beginn der Show war sehenswert, und alles weitere mit allen Sinnen zu genießen. Die neuen Stücke gehen extrem gut ab - aber mein persönliches Highlight war trotzdem ein ganz alter Schinken, eine Ballade noch dazu: Belle?

Nun hatte ich die berechtigte Hoffnung, wiederum einfach stehen bleiben zu können, Imatem wollte ich ja auch sehen - doch weit gefehlt, aufgebaut wurde für Eisbrecher. Des Rätsels Lösung lieferte Moderator Honey: verspätete Ankunft durch Stau, die Münchner hatten sich netterweise bereit erklärt, die Plätze zu tauschen. Damit haben sie zwar ihr erklärtes Ziel, der Welt zu beweisen, dass es auch nette Bayern gibt, voll erfüllt - musikalisch sind sie aber nicht meine Tasse Tee, also Pause zur Regenerierung des Flüssigkeitshaushalts.


Inzwischen stand auch dem IMATEM-Auftritt nichts mehr im Wege. Absolut gelungener Premierenauftritt, obwohl Peter Spilles auf der Bühne zugegebenermaßen mehr Spass macht, wenn er nicht hinter Keyboards festhängt. Musikalisch extrem vielschichtig, was durch ein munteres Bäumchen-Wechsel-Dich von Gastsängern (Falk Lenn, der Unheilig-Graf und La Casa del Cid, die ebenfalls angekündigte miLù fehlte leider) noch unterstrichen wurde. Doch, die CD hätte ich mir mitgenommen, würde sich endlich jemand erbarmen, sie für Download-Boykottierer verfügbar zu machen…


Der darauf folgende Auftritt von Funker Vogt dürfte den einen oder anderen Electro-Fan in echte Gewissensnöte gestürzt haben (im Theater stand ja den ganzen Tag unter dem Motto Electro/ Industrial), während sich scheinbar jeder, der mit etwas härteren Tönen nichts anzufangen weiß, anschickte, mit der längsten WC-Schlange der Festivalgeschichte Einzug ins Guinness-Buch der Rekorde zu halten. Wie immer ein sehr gelungener Auftritt, hat Spass gemacht, große Überraschungen gab es nicht.


Dasselbe lässt sich auch vom nächsten Auftritt sagen, dem von Unheilig. Die Bühnenqualitäten des Grafen stehen ganz außer Zweifel, und es war wieder ein toller Auftritt…aber ehrlich, jetzt ist es gut, jetzt dürfen die Kerzen meinetwegen erstmal eingemottet werden. Dass bei der Abstimmung zur Setlist ein astreines Best-of-Programm rauskam, tat sein übriges zum Déjà-Vu-Erlebnis.


Auf ASP habe ich leichten Herzens zugunsten einer (übrigens sehr leckeren) Nudelpfanne und eines kleinen Ausflugs in die Shoppingmeile (kann mir mal bitte jemand erklären, wer die Kirsche zum unverzichtbaren Gothic Design-Element 2007 erklärt hat und warum?) verzichtet, auf Front 242 war ich gespannt, hatte ich die Band doch sage und schreibe 1987 auf der Music for the Masses-Tour das erste (und einzige) Mal live gesehen. Ebenso wie Moderator Honey, der mir hier auch das erste Mal durch die Art der Ansage und nicht nur durch ständig wechselnde Outfits positiv auffiel. Und ja, die Erfinder der Electronic Body Music wissen immer noch, wie es geht! Gelungener Abschluß, allerdings etwas anstrengend vor einer langen Nachtwanderung...

Text: © Michaela Suchlich
Fotos: © Ritti

Bericht vom Sonntag