Vorleser und Musikanten - Amphi Festival, Tag 1 (22.07.2006)

Vorleser und Musikanten - Amphi Festival, Tag 1 (22.07.2006)

Es war heiß, es war (zumindest am Samstag) immer mal wieder nass, vor allem aber war es rundum gelungen: das Amphi-Festival 2006.

Wobei der Name eigentlich nicht passte, denn der Tanzbrunnen ist kein Amphitheater. Aber eine wirklich schöne Location! Weitläufig, mit genügend schattigen Grünflächen zum Entspannen und sich in Ruhe unterhalten und einem kleinen See inkl. künstlicher Insel, auf der ein bekannter Szeneklamottenanbieter mit vielen X im Namen repräsentativ residierte.

Die erste Band war, wie auch letztes Jahr, This morn omina - und wieder meinte das Schicksal es nicht gut mit ihnen. War es letztes Jahr der Andrang am Einlass, der das Publikum von ihnen fernhielt, so wurde ihr Auftritt dieses Jahr von einem Regenguss begleitet, der viele (ja, mea culpa, mich auch) noch in den Autos festhielt. Cephalgy hatten dann aber schon allerhand Publikum, und zu Welle:Erdball war es schon richtig voll. Zwar gab es wieder Regen, aber man rückte einfach etwas enger unter den "Schirmen" vor der Bühne zusammen und feierte.


Ob wirklich ein Teil der W:E-Ballons mit Geldscheinen gefüllt war, weiß ich leider nicht - zwar zogen wieder einige strahlend mit ihrem "Fang" übers Gelände, aber der Inhalt war im aufgeblasenen Zustand nicht ersichtlich.

Unheilig glänzte mit gewohnt gutem Auftritt, einem wunderschönen Bühnenbild und einem Grafen, der vom Publikum zu Recht sehr begeistert war (O-Ton: "Es war sooooo schön hier."). Tolle Stimmung auch bei der ersten finnischen Band des Festivals, 69 Eyes - und dann ging es so richtig los! Zwei Bands, die, jede auf ihre Art, Garanten für fantastische Stimmung sind, trafen auf ein Publikum, das mehr als bereit war, zu feiern: Subway to Sally und VNV Nation.

Erstere boten neben der obligatorischen Feuershow auch Wasser fürs heißgetanzte Volk aus dem Schlauch sowie die schönste "Publikumsbeschimpfung" des Festivals: da skandiert sich der Fan die Seele aus dem Hals von wegen Blut und Raub und Überfall und erntet von Eric Fish nur ein trockenes: "Das geht alles von Eurer Zeit ab". Aber natürlich gab es am Ende "Julia und die Räuber", und die Fans sangen munter weiter, bis VNV Nation auf die Bühne kamen (was den Vorteil hatte, das man das Pausenprogramm nicht hörte, mehr dazu später).


VNV Nation brachten, wie von der letzten Tour gewohnt, zwei Gastkeyboarder mit, Ronan gewann wie immer die Sonderpreis für die meisten auf der Bühne zurückgelegten Kilometer, war aber ungewöhnlich "schweigsam" - was den Vorteil hatte, dass man am Ende doch noch Zeit für "Honour" hatte, was wohl ursprünglich aus Zeitgründen gestrichen werden sollte. Gefehlt hat allerdings das schon traditionelle Electronaut (die man vielleicht, hätte man sich nicht gar so lange zu einer Zugabe bitten lassen, auch noch hätte unterbringen können), aber ohne Beloved ging es natürlich nicht - schließlich wollten auch die VNV-Fans ihre Sangeskünste unter Beweis stellen! Sehr stimmungsvoll auch Carbon...man hätte sich das Umfeld natürlich dunkler gewünscht, aber was will man machen, um 10 war Ende mit Musik, da versteht der Kölner keinen Spass...

Zu Ende war der Abend aber trotzdem noch nicht: Im Theater gab es weiterhin Musik, und auf der großen Bühne fanden Lesungen statt. Bevor ich aber über eine wirklich schöne Lesung, die von Oswald Henke nämlich, berichte, zuerst noch ein paar Worte zur Umbaupausenuntermalung. Auch hier gab es nämlich gesprochenes Wort, ein Hörbuch namens Galina nämlich...und das war IMHO keine allzu gelungene Idee. Erstens hörte sowieso kaum jemand konzentriert zu, es war also nur "Gelaber" im Hintergrund, und zweitens war auch das Werk selbst nicht so mein Ding und der Sprecher schon gar nicht, und das wurde durch die permanente Wiederholung nicht besser. Mit dieser Meinung schien ich auch nicht alleine zu sein, ab Nachmittags ging bei jedem dahingehauchten "Galliiiiiinaaa" ein leises Aufstöhnen durch die Menge...



Oswald jedoch wie immer unterhaltend, fesselnd, aufwühlend und mitreißend, wenn auch leider aus oben genannten Gründen ziemlich leise, so dass es Essig war mit gemütlich auf dem Boden sitzen und lauschen - ran an die Bühne war angesagt. Wer Glück hatte, wurde dafür mit Leckmuscheln, Sekt, Esspapier oder Ahoi-Brause belohnt.

Ich hätte gerne noch länger zugehört, aber schließlich bin ich für ein Musik-Magazin unterwegs - also ab ins Theater, noch ein wenig Combichrist hören. Über die Bühnen- und Gesichtsgestaltung kann ich leider nichts sagen, ich blieb direkt am Eingang "kleben", es war kein Durchkommen und die Luft zum Schneiden. Andy wirkte auch ein klein wenig angegriffen (kein Wunder, was müssen erst auf der Bühne für Temperaturen geherrscht haben!) und flehte mitleiderregend nach Flüssigkeit, gab aber sein Bestes, und es wurde auch eifrig getanzt - manche Leute sind einfach nicht so weinerlich wie ich...

Aber immerhin, zur letzten Liveband des Abends, Diary of Dreams, hab ich es dann auch nochmal bis nach vorne geschafft - und es hat sich wie immer gelohnt! Toller Auftritt, schöne Mischung aus alten und neuen Titeln und ein wunderbarer "Traumtänzer" als würdiger Abschluß eines ausgesprochen gelungenen Festivaltages. Zwar hätte ich mir auch gerne die Lesung von Christian von Aster noch angehört, aber die Luft im Theater hatte mir wirklich den Rest gegeben - außerdem stand für Tag 2 doch relativ frühes Aufstehen an.

Text und Fotos: © Michaela Suchlich