Amphi-Festival Teil 1: Freitag

Amphi-Festival Teil 1: Freitag

Kann es ein größeres Kompliment für das Line-Up eines Festivals geben als die Tatsache, dass ein Großteil der Zuschauer pünktlich zum Einlass erscheinen? So geschehen am ersten Tag des ersten Amphi-Festivals, was leider auch der ersten Band des Tages, "This Morn’ Omina", vermutlich relativ leere Ränge, den (erfreulich disziplinierten, Kompliment an dieser Stelle!) Wartenden die erste Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen, sowie eine dumpfe Ahnung, dass die Band mit allerlei Trommeln arbeitet, und mir leider eine Lücke im Bericht beschert hat ...


Man reagierte von Seiten der Veranstalter schnell und unbürokratisch und schob das Programm um eine knappe Stunde nach hinten (was den bereits Eingelassenen die Möglichkeit gab, sich an den erfreulich vielfältigen und preisgünstigen Versorgungsständen zu laben), so dass bei "Unheilig" alle, die da sein wollten, auch da sein konnten und das schöne Amphi-Theater sich schon erfreulich gefüllt hatte.


Und die Menge wurde auch gleich fürs Schlangestehen entschädigt, der Graf und seine Band lieferten ein ausgesprochen gelungenes Konzert ab, das ihnen einige neue Fans beschert haben müsste. Der charismatische Frontmann war sichtlich gerührt, als bei "Auf zum Mond" richtig Bewegung in die Menge kam und bei "Freiheit" schon recht lautstark mitgesungen wurde.


Ebenfalls merklich Spass an ihrem Auftritt hatten Zeraphine. Mit "I never want to be like you" legten sie sehr rockig los, es folgte eine gelungene Mischung aus neuen und alten, schnellen und langsamen Songs, und wenn es auch für "Sterne sehen" noch zu früh war, gab es doch sehr schöne Momente ... es hat was, Balladen zu hören, während Zugvögel über das sich langsam rot färbende Wasser des Kanals flogen. Aber bevor ich hier endgültig in Kitsch abgleite: Die Berliner haben mal wieder bewiesen, dass sie live einfach brilliant sind, und liessen mit "Be my rain" eine laut aber leider vergeblich nach Zugaben rufende Menge zurück. A propos Rain: An dieser Stelle sei kurz vermerkt, dass die Wettergötter ein echtes Einsehen hatten, die Veranstaltung wurde weitgehend von Schauern verschont.



Das absolute Highlight des ersten Tages aber waren für mich "Goethes Erben". Ein gelungenes Best-of-Programm, Oswald Henke in vielen verschiedenen Rollen, die Ente Gertrud als "neues Bandmitglied", eine tolle Lightshow und 700 Kerzen, die bei "Die Form" das Publikum erhellten ... ein Fest für Auge und Ohr! Es ging um Märchen, Sex und den Weltuntergang, von sanften bis zu harten Tönen – hervorzuheben die neue Live-Version von "Abstrakte Stille", die Oswald zur Frage: "Und? Hasst Ihr die neue Version?" veranlasste – war auch musikalisch alles dabei. Die verträumt-nachdenkliche Stimmung, die sich durch die letzten Titel "Glasgarten" und "Lebend lohnt es" breit machte, hätte eigentlich zu einem Spaziergang am Fluß entlang animiert ...


... was aber schade gewesen wäre, denn der von vielen ersehnte Headliner des Tages stand ja noch an! Und auch "Project Pitchfork" lieferten ein ausgesprochen rundes "Best-of"-Programm. Neben einigen Songs der aktuellen CD Kaskade gab es allerlei Klassiker und auch selten Gehörtes, die Fans waren schon beim ersten Titel "Sin" außer Rand und Band und in ständiger Bewegung. Und wir haben was gelernt: "Die nächste Band ist eine Band", so die Ansage von "Melotron"-Sänger Andy Krüger, der durch das Programm führte – eine Steilvorlage, die von Peter Spilles (sonst an diesem Abend eher introvertiert) gerne aufgegriffen wurde. Optisch gab es diesmal (vielleicht auch festivalbedingt) keine Videos, sondern "nur" allerlei Licht – mir persönlich oft zu viel und zu hell. Eine kleine Anmerkung noch: Es ist ja schön und gut, mit "seinen Bands" älter zu werden, aber ich muß nicht regelmäßig daran erinnert werden, wie alt einzelne Titel schon sind ;-) Nach den Zugaben "Timekiller" und "Fear" zog das Publikum in Scharen von dannen – vielleicht hätte man noch einmal darauf hinweisen sollen, dass "Client" als "Late Night Special" noch auf dem Programm standen?

Die beiden Damen mussten dann auch vor relativ leeren Rängen spielen - und ich muß ganz ehrlich zugeben, mich haben sie nicht wirklich "gepackt", es war natürlich auch schwer bis unmöglich, auf das Programm noch eins draufzusetzen ...

Zum zweiten Tag geht es hier

Text: © Michaela Suchlich
Fotos: © Magdalena Pawlas