Amphi-Festival 08: Samstag (19.07.)

Amphi-Festival 08: Samstag (19.07.)

Cinderella Effect/ Zeromancer/ Welle: Erdball/ Asbury Heights/ Zeraphine/ Covenant/ Deine Lakaien/ Oomph!/ Combichrist

Ausverkauft!!! Das hat man bei Festivals auch nicht alle Tage. Aber der Erfolg ist durch die Kombination aus einem tollen Line-up und einer schönen Location (dieses Jahr mit Beachclub und – Lob an die Veranstalter – wieder Parkplätzen, die nicht zu Wanderschuhen zwangen) mehr als verdient. Eine Eintrittsschlange war allerdings zu beklagen – die für die Presse. Und ich war so stolz auf mich, pünktlich da zu sein...Über Mina Harker kann ich also leider nichts sagen, außer den Herrschaften für ihre literarische Finesse in Sachen Namensfindung ein Lob auszusprechen.


Pünktlich zu Cinderella Effect lag die Schlange dann hinter mir - Pech muß der Mensch haben... ;-) Blutengel-Constance und Kolleginnen singen sich quer durch den musikalischen Gemüsegarten, von Zombie bis Summer Wine (was vor Ville Vallo wenigstens noch Orginalitäts-Punkte gegeben hätte) und schrecken auch vor Stücken anwesender Künstler nicht zurück": „Clone your lover“ von Zeromancer und „Timekiller" von Project Pitchfork gaben sie zum besten. Beides sollte im Lauf des Festivals noch besser dargebracht werden, der letztgenannte Titel sogar mehrfach. Mich hat Cinderella Effect irgendwie an Scala erinnert – das hat mir auch nicht gefallen, aber die haben schöner gesungen und hatten wenigstens den "Och-wie-niedlich"-Bonus...

Kurzer Blick ins Theater: Noisuf-X. utzutz, gar finstere Videoprojektionen, Frauen in Uniform und LAI-Thomas - danke, aber danke nein.



Deutlich angenehmer für Ohr und Auge: Zeromancer , die letztes Jahr einen phänomenalen Auftritt im Theater hingelegt hatten. Diesmal also auf der großen Bühne - kein Problem für die Norweger. Spätestens bei "Dr. Online" war das so richtig Stimmung im Rund – und natürlich beim, diesmal mitreißenden und stimmungsfördernden, „Clone your lover“. Übrigens: So gern ich ja drüber meckere, dass alle Welt meint, auf der Bühne das Hemd ablegen zu müssen: Hier störte es nicht wirklich ;-)


Deutlich ruhiger ging es weiter - wenn auch Honey so aufgeregt war, sich selber ansagen zu dürfen, dass der Zeitplan sich eben mal um eine Viertelstunde nach vorne (!) verschob... Welle:Erdball , schon Amphi-Dauergäste. Immer nett anzuschauen - die Damen diesmal nicht im Petticoat, sondern in Lack und Leder - aber die Neugier auf noch nie gesehenes überwog deutlich, es zog mich zu


Ashbury Heights ins Theater. Hat sich gelohnt, wenn der Auftritt auch ein wenig holprig wirkte. Aber die Musik der Schweden ist klasse, und das mit den zweistimmigen Gesängen klappt live auch gut – zumindest wenn keiner den Text vergisst... Ein bischen mehr Licht hätte man sich gewünscht, aber das galt für alle Konzerte im Theater. Aus den zwei Tänzerinnen, die per myspace-Site gesucht worden waren, ist nur eine geworden, die es für mein Gefühl auch nicht gebraucht hätte...aber wie gesagt, gesehen hat man eh nicht viel, also Schwamm drüber.



Auf der großen Bühne gab es dann den Mann, der momentan überall zu sein scheint: Sven Friedrich, diesmal mit Zeraphine . Wie immer ein schöner Auftritt, und die selbstironischen Verweise auf "unser aktuelles unaktuelles Album "Still"" lassen hoffen, dass ein gewisser Schaffensbedarf gesehen wird... Der erste große Regenschauer des Tages kam nicht zu "Be my rain", sondern zwei Nummern später und wurde mit "Dat Wetter hat heute ooch keen Timing" kommentiert - die originellste der vielen, vielen Anmerkungen zum Wetter, die noch folgen sollten... Verabschiedet haben sich die Berliner dann sinnigerweise mit "Flieh".




Covenant traten unter erschwerten Bedingungen auf. Joakim hatte sich beim Amphi Cup verletzt und kam auf Krücken auf die Bühne (ich hatte ja von Anfang an Respekt vor dem Mut der Veranstalter, Menschen, die sie auf die Bühne stellen wollen, am Vortag mit Stollenschuhen aufeinander losgehen zu lassen- zum Glück gab es keine Totalausfälle) und Daniel hat eine echte Leistung hingelegt: 20 Minuten von Haujobb- zu Covenant-Auftritt, inklusive Kostümwechsel! Da war es schon verdient, dass Eskil ihm besorgt den Schweiß von der Stirne tupfte... Toller Auftritt mit allem drum und dran (nur halt aus oben genannten Gründen ohne tanzende Keyboarder), inklusive kultureller Erbauung (klüger werden mit stagePRESS: das Gedicht war der Beginn des Nibelungenliedes) und tiefschürfender Gedanken über die reinigende Wirkung von Regen. Kommt immer gut von einem, der unterm Dach steht, Herr Simonson! Fliegende Drumsticks beendeten den Auftritt - ungewohnt für ein Covenant-Konzert, dafür dann aber auch gleich zweimal.




Ebenso wie ihre Vorgänger spielten auch Deine Lakaien ein sehr schönes Best-of-Programm und hatten ausgesprochen viel Spass auf der Bühne. Insbesondere B. Deutung und Ivee Leon (bei diesem Auftritt die einzige Violinistin) amüsierten sich glänzend und trieben allerlei Blödsinn - was der musikalischen Qualität aber keinen Abbruch tat. Bemerkenswert wie immer die Ansagen von Alexander. Besonders nett: die zu Reincarnation: "Jetzt machen wir einen großen Schritt zurück in der Zeit. Damals wart ihr alle noch sooooo klein. Und dann wurdet ihr größer und größer, und bald seid ihr gar nicht mehr da - und dann kommt ihr wieder und wieder..."


Viele der Fans, die sich jetzt nach vorne drängten, waren damals allerdings überhaupt noch nicht da oder (wenn man denn an Wiedergeburt glaubt) grade mal nicht? Und hört jemand, der auf dem Pfad von Leben und Wiedergeburt schon weiter fortgeschritten ist, Oomph!? Wir wissen es nicht... Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht einmal, ob die nun wirklich seit gefühlten 10 Jahren immer in Zwangsjacke (Dero) bzw. Priesterkostüm (der Rest) auftreten oder ob das ein subjektiver Eindruck ist...oder halt das Festival-Outfit. Aber nach drei erklärten Lieblingsbands in Folge will ich mal nicht meckern - außerdem können Millionen Raab-Zuschauer ja nicht irren, es muß also was dran sein...oder so...


Wesentlich lauter und heftiger ging es im Theater bei Combichrist zur Sache, die Stimmung war wie immer auf dem Siedepunkt und Strahlemännchen Andy hat sich ne Kilometerzulage verdient.. Sein Bühnen-Make up hat mich allerdings vor echte Rätsel gestellt...was sollte das darstellen, Evil Teletubby? Wir werden es wohl nie erfahren - und dank der immer noch sehr minimalistischen Beleuchtung im Theater dürften es auch nicht viele Leute zu sehen gekriegt haben...einziger großer Kritikpunkt an einem ansonsten sehr gelungenen ersten Festivaltag.

Text und Fotos: © Michaela Kaebe

So ging es am Sonntag weiter: www.stage-press.de/reportagen/amphi08_sonntag.html