
Was ist eigentlich ein Cliché? Das Wörterbuch nennt mehrere Bedeutungen:
1) Abklatsch, unschöpferische Nachahmung 2) zu oft gebrauchtes, abgegriffenes Wort 3) Vorurteil
Ganz sinnig also, dass Melotron ihr aktuelles Album und die dazugehörige Tour so benannt haben, wobei die Neubrandenburger schon lange bewiesen haben, dass der - gern genommene - Vorwurf des musikalischen Nachahmertums ungerechtfertigt ist. Unbestreitbar (und auch von Wave Night-Gastgeber Kai Hawaii hinreichend gewürdigt) ist allerdings, dass Andy Krüger der weltweit beste Dave-Dancer neben Mr. Gahan ist und bleibt. Abgegriffene Worte werden der Band oft vorgeworfen, von Texten auf Schlagerniveau ist gern die Rede, Fans dagegen loben grade die intelligenten, aussagestarken Texte.

Was ist nun das Vorurteil? Und was ist mit dem Vorurteil, Hannoveraner könnten nicht richtig feiern?
Am 7. Oktober konnte dies alles im Capitol überprüft werden, als Melotron bereits zum zweiten Mal bei der Wave Night gastierten. Eine abgegriffene Aussage muß auf jeden Fall noch einmal wiederholt werden: Melotron gehört zu den besten Elektronik-Livebands überhaupt. Weniger hölzern ausgedrückt: Es hat wieder mal sehr viel Spass gemacht!
Dass man trotzdem mit einer gewissen Wehmut an den fantastischen Auftritt auf dem M'Era Luna zurückdachte, lag wohl zu einem gerüttelt Maß auch am Publikum, dass, obwohl für Hannoveraner Verhältnisse schon in ziemlicher Feierlaune, doch nicht den Einsatz bot, den die Band gewohnt ist. Da half auch kein Anpfiff von Andy, weder verbal ("lahme Veranstaltung") noch gesungen...wobei die wunderbare textliche Neukreation "Alles kein Problem, solange wir Euch langweilen sehen" Anlass zu grammatikalischen Diskussionen bot: Langweilt das Publikum sich (nein) oder die Band (ja, aber sie haben dankenswerterweise trotzdem vollen Einsatz geboten)?
Was nun die Texte angeht, konnte man sich wieder überzeugen, dass beide Klischees (um mal der neuen deutschen Rechtschreibung Genüge zu tun) ihre Richtigkeit haben: Neben ausgesprochen guten und engagierten Texten (hier seien stellvertretend aus dem neuen Album "Propaganda" und "Wenn wir wollen" genannt), gab es auch Dinge zu hören, die tatsächlich auch gut in den Eurovision Song Contest gepasst hätten, als er noch einen französischen Namen trug, allen voran mein ganz persönlicher "Geht gar nicht"-Titel "Manchmal". Manchmal wünsch ICH mir, sie würden gelegentlich doch Englisch singen, oder noch besser Russisch oder Italienisch oder so - schöne, klangvolle Sprachen, die ich nicht verstehe... ;)

Ausgesprochen schade wäre dies allerdings bei vielen anderen Titeln, auch bei "Gläserne Zeiten", das ziemlich unerwartet, nachdem das Konzert eigentlich schon beendet war und man sich seelisch-moralisch bereits auf die anschließende Party vorbereitete, als "Nach-Zugabe" geboten wurde...aber wenn die Band, durch allerlei Sticheleien von Kai Hawaii "aufgehetzt", Wert darauf legt, selber zu bestimmen, wann das Konzert zu Ende ist, wer wollte sie daran hindern? Der Konzertbesucher jedenfalls genießt und tanzt - auf die zurückhaltende Hannoveraner Art...
Text und Fotos: © Michaela Suchlich